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Muhammet Mertek
Es war gut, dass in der Schweiz über die Errichtung von Minaretten abgestimmt wurde. Etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat sich dagegen ausgesprochen. Seither geht ein Aufschrei durch die Medien, sie berichten von Angst, Unwissenheit und Hass. Auch viele Parteien- und Regierungsvertreter, die Vorsitzenden internationaler Institutionen und Menschenrechtler kritisieren das Ergebnis. Wo aber waren all diese Leute vor der Abstimmung? Warum haben sie ihre Stimme nicht erhoben, als dieses Symbol des Menschenrechts auf Religionsfreiheit zur Volksabstimmung freigegeben wurde? Ausgerechnet die Medien. Wer präsentiert denn seit Jahren schon seinem Publikum Angst, Unwissenheit und Hass? Nun, wo die Reaktionen dieses Level erreicht haben, merken sie, dass sie vielleicht doch zu weit gegangen sind, und bereuen es. Doch zu spät, sie haben es vermasselt.
Vor nicht all zu langer Zeit hat der namhafte Soziologe Prof. Dr. Heitmeyer eine Forschungsarbeit mit dem Titel ‚Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit‘ veröffentlicht, in der er zu dem Ergebnis kommt, dass die Vorurteile gegenüber Zuwanderern, Menschenfeindlichkeit und Islamophobie gefährliche Ausmaße angenommen haben. Aber hat diese wissenschaftliche Studie Beachtung gefunden? Wurde sie ausgiebig in den Medien diskutiert?
Die Studie spricht von Menschenfeindlichkeit. Und die Volksabstimmung über die Minarette lässt darauf schließen, dass 57 Prozent aller Schweizer den Muslimen feindselig gegenüberstehen. Nun mag es ja sein, dass einem das Denken, der Glaube und die Kultur bestimmter Gruppen von Menschen nicht gefallen. Feindseligkeit gegenüber diesen Menschen zu hegen, kündet aber in der Tat von Menschenfeindlichkeit.
Auch eine Betrachtung der westlichen Werte erscheint in diesem Zusammenhang sinnvoll. Völlig zu Recht fragen sich viele Menschen: Dienen wertvolle Menschrechte, Freiheit, Aufklärung, Souveränität des Rechtsstaates usw. vielleicht lediglich als Deckmantel? All diese Begriffe mögen historisch und empirisch gesehen ja große Errungenschaften sein, ehrlich und aufrichtig erworben. Aber wie sind diese Errungenschaften mit dem Minarettverbot vereinbar?
Es kann keinen Zweifel daran geben, dass diese Volksabstimmung eine Auswirkung der Angstpolitik ist, die auf der ganzen Welt betrieben wird. Eine Boulevard-Zeitung in der Schweiz hat sie als unlogisch bezeichnet. Aber stellen Sie sich doch einmal vor, dass einem Volk über die Medien bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein Schuss Phobie injiziert wird. Darf man dann bei diesem Volk wirklich noch mit Vernunft und Logik rechnen?
Die Politik hat ihr Ziel erreicht, die Völker der westlichen Welt sind inzwischen höchst anfällig geworden für Manipulationen. Diese Propaganda erinnert mich an etwas: Am 28. Februar 1997 vollzog sich in der Türkei der sogenannte postmoderne Putsch. Das Militär setzte die Regierung unter Druck und zwang sie letztlich zu Neuwahlen. Auch dort hatten die Medien gute Vorarbeit geleistet. Minarett, Scharia und Burka hier, Rückständigkeit und Kopftuch dort - wie sich die Vorgehensmuster doch ähneln. Die nationalistischen Schweizer erreichten ihre Ziele nur dank der Unterstützung der Medien. Und ohne die Unterstützung der Medien hätte es damals auch keinen Februar-Putsch gegeben.
Als sich das verhängnisvolle Resultat der Abstimmung abzeichnete, war die Diagnose zutreffend: Angst, Unwissenheit und Hass. Genau das! Wir sind aufgewacht aus einem Traum, den die europäischen Länder seit Jahrhunderten träumen. Das mittelalterliche Denken ist zurück. Hoffentlich bleibt es auf die Schweiz begrenzt.
Was die Muslime betrifft: Sie können auch ohne Minarette ihre Gebete verrichten, aber nach dem Schweizer Exempel wird es im zivilisierten Europa nie wieder so sein, wie es einmal war. Nach dem Raub der Minarette steht zu befürchten, dass in nicht ferner Zukunft weitere Deckmäntel zerrissen werden.
Auch der Türkei sind solche Deckmäntel nicht fremd. Dort waren die Putschisten die Diebe. Jahrelang konnten sie machen, was sie wollten. Wie gut, dass sie heute überführt werden können. 1926 haben wir das Zivilrecht der Schweiz übernommen. Heute aber sind wir Zeuge geworden, wie dieses Land, das als eines der liberalsten und zivilisiertesten Länder auf der ganzen Erde galt, der Religionsfreiheit einen schweren Schlag versetzt hat.
Trösten wir uns vorläufig damit, dass 43 Prozent der Schweizer noch genug Verstand besitzen. Es bleibt viel zu tun. Als Erstes sollten wir Muslime uns darauf besinnen, dass wir unseren eigenen Werten Vertrauen schenken und die Schönheit unserer Religion so gut wie möglich in unserem Leben verkörpern.
Ein Schleier wurde gelüftet, ein Deckmantel zerrissen. Die Volksabstimmung in der Schweiz hat das wahre Gesicht der Realität zum Vorschein gebracht. Angesichts dieser Ereignisse erscheinen mir die Werte, die die „Bewegung der Freiwilligen“ repräsentiert und der ganzen Welt präsentiert, wichtiger denn je.
14. Februar 2010
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